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„Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht mehr nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“ (Paul Klee)
Hier wird Kunst zur Berufung.
Kunst kann jedoch ganz andere Rollen übernehmen.
Gerne würde ich erfahren, welche Rolle die Kunst – ob nun Malerei, Musik, Poesie, Theater, Tanz, Literatur – im Leben anderer spielt.
Ist sie notwendiger Bestandteil, schmückendes Beiwerk oder nur fünftes Rad am Wagen?
Macht sie den Alltag erträglicher? Erleichtert sie, sorgt für Entspannung oder verbessert sie gar die eigene Gesundheit?
Bietet sie die Möglichkeit, sich frei auszudrücken, zu provozieren oder wach zu rütteln etc, etc … ?
Vielleicht kommt sie jedoch in manchem Leben gar nicht vor?
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(Gartenvernissage 2006, Foto privat)
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04.02.09
Vorgestern hat Bundespräsident Horst Köhler in seiner Rede bei der Übernahme der Ehrenpräsidentschaft des Deutschen Künstlerbundes seine Antwort auf die Frage nach der Rolle der Kunst gegeben. Hier ein Auszug:
Kunst existiert, seitdem es menschliches Denken, seitdem es menschliches Bewusstsein gibt. Kunst gehört also von jeher zum menschlichen Leben untrennbar dazu. Und dies, obwohl es sich bei der Kunst – ich zitiere aus dem Lexikon – „um Verrichtungen oder Darstellungen handelt, die keinen unmittelbaren Nutzen zur Lebenserhaltung erkennen lassen“. Kunst – ein Luxus? Offensichtlich nicht! Kunst entspringt einem grundlegenden Bedürfnis des Menschen, sich auch mit den Dingen zu befassen, die sich eben nicht mit dem Maßstab des unmittelbar Nutzbringenden messen lassen. Oder, um es mit anderen Worten Loriots auszudrücken: Ein Leben ohne Kunst ist vielleicht möglich, aber nur halb so schön.“
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07.09.09
Hermann Hesse äußert sich im folgenden Zitat ebenfalls über die Rolle der Kunst in unserem Leben:
Letzten Endes muss alle Kunst ihre Daseinsberechtigung daran erweisen, dass sie nicht nur Vergnügen macht, sondern auch direkt ins Leben wirkt, als Trost, als Klärung, als Mahnung, als Hilfe und Stärkung beim Bestehen des Lebens und beim Überwinden des Schweren.
(aus der Ausstellung in zimmer mittendrin, Foto 2009, von khnemo)
Es ist üblich, dass sich ein Kunstkritiker über einen Maler und dessen Kunst äußert. Es ist aber immer wieder umstritten, ob der Künstler selbst das Wort über sich und seine Kunst ergreifen sollte. Der Maler Henri Matisse riet seinen Schülern: „Vor allem müssen Sie sich ihre Zunge abschneiden; denn Ihr Entschluss nimmt Ihnen jedes Recht, sich mit irgend etwas anderem als mit ihrem Pinsel auszudrücken.“ (Henri Matisse, Über Kunst)
Und doch äußerte Matisse sich immer wieder selbst über Kunst und seine Malerei. Er spiegelt damit das Dilemma, in dem Künstler oft stecken: Zunge ab? – oder sich über die eigene Kunst äußern?
Diese Frage beschäftigt auch mich immer wieder …
1. Ein Beispiel: „Ansichtssache“
Auf dem Poster zu meiner ersten Ausstellung im Antoniersaal Memmingen war mein Bild „Ansichtssache“ zu sehen. Hier ist es:

Was ist darauf zu sehen??
Die meisten Betrachter erkannten vor allem Palmen …
Es wäre interessant zu wissen, wie viele überhaupt etwas anderes als Palmen darauf gesehen haben …
Die Malerin Georgia O’Keeffe sagt: „In der Stadt hasten die meisten Menschen vorbei, sie haben keine Zeit, sich eine Blume anzusehen. Ich möchte, dass sie sie sehen, ob sie wollen oder nicht.“ (Women Artists, Taschen) Wer hat wohl mehr gesehen?
Dies ist nämlich ein Bild, das in das Thema der Ausstellung einführen sollte. Es erschließt sich erst bei näherem Hinsehen, beim „da sein“. Es ist ein Kippbild, das verschieden gesehen werden kann. Erst wenn man ihm seine ganze Aufmerksamkeit schenkt, sieht man die Gesichter oder die Menschen und Tiere, die sich ebenfalls darauf befinden, die „da sind“. Jedenfalls habe ich mehrmals mitbekommen, wie erst allmählich der Groschen gefallen ist.
Trotz der Gefahr, die im Zerreden der eigenen Bilder lauert, hatte ich mich entschieden, Einführungen in die Ausstellung anzubieten. Das Bild „Ansichtssache“ war dabei gleich das erste Bild, das ich mit den Besuchern „erarbeitete“. Viele von ihnen hatten nicht viel mehr als Palmen bemerkt. Die meisten von ihnen schauten sich daraufhin auch die folgenden Bilder ganz konzentriert an … Das Interesse der Leute zeigte, dass sie offen, ja dankbar für Erklärungen sind, und es kamen auch mehr als ich zu erwarten gewagt hätte!
Und was heißt das nun allgemein?
Einerseits steht da die Überzeugung, dass ein Bild selbst am besten und klarsten für sich sprechen kann. Es muss eigentlich nichts mehr gesagt werden … Andererseits sehen die Besucher so viel mehr, wenn sie ein wenig in die neue Bilderwelt vor ihnen geführt werden. Die Neugier und das Interesse werden auch dadurch verstärkt, dass der Maler selbst etwas zu seinem Werk sagt. Authentizität lässt sich spüren und ist meist ein Faszinosum … Zusätzlich erfährt der Maler auch noch von den Besuchern einiges über die Wirkung und Deutung seiner Bilder. Dass dabei nicht zu viel gesagt wird , ist ein Übungsfeld und eine ständige Gratwanderung.
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2. Worin liegt dann das Problem?
Also auf geht’s, sprecht über Eure Bilder!?
So einfach ist das nicht beantwortet. Da gibt es einiges dagegen einzuwenden. Hier sind ein paar Bedenken:
Die Bilder sind bekanntlich die beste Sprache eines Malers. Ein Bild sagt nun mal mehr als 1000 Worte. Warum also auf eine Aussage zurückgreifen, die nie so umfassend sein kann wie ein Bild? Und warum sich noch mit Formulierungen plagen, wenn durch das Malen schon alles gesagt ist ?
Außerdem weiß auch der Maler nicht alles über die unbewussten Inhalte seiner Bildwelten. Eine Möglichkeit der Kunst ist es ja gerade, dass sie aus dem Unbewussten zum Unbewussten des Betrachters spricht. So kann etwas mitgeteilt, aufgenommen, verarbeitet und sogar geheilt werden, was gar nicht bis zum manchmal schmerzhaften Bewusstsein dringen muss.
Es besteht auch die große Gefahr, etwas zu zerreden und ihm das Geheimnis zu entreißen, das ebenfalls wesentlich für Kunstwerke ist. Sicher kann man der Überzeugung sein, dass etwas Geheimnisvolles nie ganz ergründet werden wird und letztendlich ein Geheimnis bleibt, aber dafür geben sich zu viele Betrachter mit einer oberflächlichen Aussage zufrieden. Mehr wollen sie gar nicht wissen. Die Aura des Rätselhaften verfliegt eben leicht … Ganz besonders in der Schublade! Denn Besprochenes, Eingeordnetes kann man dort gut ablegen … Und auch dem Maler droht diese wohlgeordnete Schublade der Beurteilungen! Warum sich also freiwillig aufs Glatteis begeben?
Vor allem aber ist ja die Auseinandersetzung des Betrachters mit einem Kunstwerk ebenfalls ein kreativer Akt, den es zu fördern gilt. Hier kann er Eigenes finden, kann seinen eigenen Weg durch Bilderwelten gehen und selbst Neues entdecken. Andererseits können Betrachter manchmal rein gar nichts mit einem Bild anfangen und ein paar Worte bringen sie auf eine Spur, der sie mit Begeisterung nachgehen. Andernfalls hätten sie den Ausstellungsraum schon längst verlassen …
So kehren wir wieder zum Anfang zurück: wir befinden uns hier auf einer Gratwanderung. Manchmal kann ein Wort zu viel sein, manchmal aber ist eins nötig … Es liegt eben im Ermessen des Künstlers, wie er sich entscheidet und ob er zu seinen Bildern eine Aussage macht oder dies strikt ablehnt.
Vielleicht verstehen wir jetzt ein wenig besser, dass es da ein Problem gibt und warum die einen jede Äußerung ablehnen, die anderen gerne Auskunft geben und ein und derselbe Künstler je nach Situation ganz anders reagiert.
Nicht immer ist eben Reden Silber und Schweigen Gold! Ich nehme mir jedenfalls die Freiheit, je nach Situation unterschiedlich zu reagieren, auch wenn es mal daneben geht.
Welche der hier angeführten Argumente ebenfalls für den Kunstkritiker und auch ganz allgemein für den Betrachter gelten, kann der Leser, der bis hierher gekommen ist, sicher selbst herausfinden.


