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Auf meinem Schreibtisch stehen die folgenden Zeilen:
Das Wichtigste im Leben finden wir nicht durch intensive Suche, sondern so, wie man etwa eine Muschel am Strand findet. Im Grunde findet es uns. (Jochen Mariss)
Ein Spruch, der mich immer wieder gefangen nimmt! Je nach Lebenssituation oder auch jeweiliger Malerfahrung stimme ich dem Ganzen zu oder setze mein inneres Fragezeichen dahinter. Ich kenne beides: das Suchen und Finden und auch das Finden ohne zu suchen…….
Wenn wir bewusst suchen, nach etwas streben, wissen wir, wohin wir wollen. Die Richtung ist eingeschlagen. Es wird ein Weg gewählt, andere Möglichkeiten verworfen. Das Ziel im Auge konzentrieren wir uns ganz auf die Richtung. Auf der Zielgeraden wird dabei allerdings einiges übersehen, was so am Wegrand auftaucht, möglicherweise sogar wichtig wäre. Eine Muschel am Strand würden wir wohl liegen lassen, wenn wir dort gerade geschäftlich unterwegs wären…. Es sei denn, wir sind auch in dieser Situation voll präsent im Augenblick…..
Irgendwann ist dann gefunden oder erreicht, was erträumt oder so gewollt wurde. Das Erwartete ist eingetreten, das Gesuchte ist gefunden. Das gilt für Mal-Visionen ebenso wie für Lebensträume. Ich verwirkliche den einen Traum oder das eine, das für mich beste Bild……
Ist nun ein Leben geglückt, wenn alles so abläuft wie eingeplant, gesucht und gefunden? Nicht unbedingt! Da sprechen Menschen dagegen, die alles erreicht haben, aber nicht glücklich sind.…. Es gehört eben auch einiges von dem dazu, was ich gar nicht gesucht, aber gefunden habe…. Und überhaupt lässt sich Glück nicht so leicht erklären….. Genau so kann einem gut durchdachten, perfekt gemalten Bild etwas fehlen…..
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(aus der Serie Die versunkene Kathedrale, kleine Bildershow)
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Aber was finde ich nun, wenn ich nicht suche?
In der Kunst entspricht diese offene Haltung der des spontanen Prozessmalens, das immer wieder propagiert oder aber auch verworfen wird. Ein Bild, das so gemalt wird, entsteht spontaner und entwickelt sich organischer. Es gibt dabei mehrere Bildmöglichkeiten und vielleicht führt ja ein Ansatz zu mehreren Bild-Lösungen. Dabei bieten sich Umwege und überraschende Wendungen an …. Korrekturen werden notwendig….. Genau wie im normalen Leben…..
Manchmal ist das die Haltung des Autodidakten, der nicht an seinen Vorlagen klebt….. und der in seiner unverstellten Offenheit einfach drauf los experimentiert…. Möglicherweise aber findet er auch mal etwas ganz Einmaliges. Wieder einmal Picasso hat dazu eine interessante Bemerkung gemacht:
Angefangen bei Van Gogh sind wir alle, so groß wir auch sein mögen, in einem gewissen Maße Autodidakten – man könnte fast sagen, naive Maler. Die Maler leben nicht mehr innerhalb einer Tradition, und so muss jeder von uns alle seine Ausdruckmöglichkeiten neu erschaffen. Jeder moderne Maler hat das vollkommene Recht, diese Sprache von A bis Z zu erfinden. Kein Kriterium kann auf ihn a priori angewandt werden, weil wir nicht mehr an strenge Maßstäbe glauben….“ (Über Kunst, Diogenes, 1988, S.12 )
Im Leben wie in der Kunst schaffen wir uns dann immer mehr unsere eigenen Strukturen, unsere eigenen Möglichkeiten und das Schritt für Schritt.
Dabei passiert viel, weil wir mit unserer Offenheit finden ohne zu suchen….. Die Worte „In den letzten 20 Jahren ist alles beim Alten geblieben. Es hat sich nicht viel ereignet“, greifen dann nicht mehr.
Nun hängt es aber von mir ab, was ich mit dem Gefundenen anstelle. Da gibt es die schöne Geschichte, dass eine Kokusnuss auf den Kopf des Vorbeigehenden fällt. Der eine flucht laut und kickt die Nuss weit weg. Der andere hebt sie auf, schaut sie sich an, öffnet sie, trinkt daraus und nimmt die zwei Hälften als Schalen heim….. Ich kann ein Bild, das mich zu einer überraschenden Wende zwingt, das mich vom ursprünglichen Plan abbringt, einfach zerreißen oder aber ich arbeite mit dieser neuen Möglichkeit weiter…….
Vorausgesetzt ich bin offen für alle oder viele Wege und Möglichkeiten…….. Ich entscheide Schritt für Schritt aus dem Augenblick heraus. Damit kann viel Neues entstehen und Überraschendes gefunden werden.
Ich suche nicht, ich finde. (Picasso, Über Kunst, Diogenes, 1988, S.7 )
Der Weg wird chaotischer und das Ziel wird erst im Rückblick klar. Immer wieder stoße ich dabei auf etwas, das ich so nicht erwartet habe. Mir fällt vieles zu ….. Das Leben pulsiert….. Der Malprozess elektrisiert. Die Frage, wie weit es überhaupt Zufall und nicht doch immer wieder mal Fügung ist, möchte ich hier nur unbeantwortet in den Raum stellen……
Das Wort der Gratwanderung ist auf meinem Blog schon mehrmals gefallen (siehe „Zunge ab“ und „Kunst verstehen“)….. Wieder möchte ich damit schließen, dass für mich beides gemeinsam gilt: das Finden auf der Suche, gewürzt vom Finden ohne Suchen. Mal gibt das eine, mal das andere den Ton an. Dieses Paradox im Leben wie in der Malerei auszuhalten, ist eine große Herausforderung. Aber es lohnt sich, diese anzunehmen.
08.10.09
Nachtrag zu : „Ich suche nicht, ich finde“ von Picasso
Zwar finde ich nur die Worte „Ich suche nicht, ich finde“ im oben zitierten Buch „Über Kunst“, aber heute habe ich wieder in meinen Dateien das ganze Picassozitat gefunden. Woher ich das allerdings habe, keine Ahnung … :
Ich suche nicht, ich finde
Suchen ist Ausgehen von alten Beständen
und ein Findenwollen
von bereits Bekanntem im Neuen
Finden ist das völlig Neue.
Das Neue auch in der Bewegung.
Alle Wege sind offen
und was gefunden wird,
ist unbekannt.
Es ist ein Wagnis,ein Abenteuer.
Pablo Picasso

