VorWorte zur Ausstellung: Aus dem Schwarz der Hinterhöfe, Farbklänge nach Astor Piazzolla

(Für den, der von Astor Piazzolla noch nicht viel gehört hat und wen die Verbindung von Malerei und Musik interessiert, bleibt dieser Artikel weiterhin aktuell, auch wenn meine Ausstellung schon lange vorbei ist.)

Musik ist für mich immer mehr zum Sprungbrett in neue Bilderwelten geworden. Meine Malerei wurde in den letzten Jahren durch die Suche nach Entsprechungen in Farbe, Form und Aufbau geprägt. (siehe meine Gedanken zur Ausstellung Licht, Farbe, Klang). Aber beim Hören der Musik entstanden auch neue Bilder durch freie Assoziationen. Dabei stand bisher die klassische Musik im Mittelpunkt.

Vor einiger Zeit hörte ich nun auf einem Klassiksender ein Musikstück, das mich in seiner Andersartigkeit, seiner Mischung aus klassischen Elementen und rhythmischer Modernität vollends faszinierte. Es handelte sich um das Stück „Lumière“ aus der „Suite Lumière“ von Astor Piazzolla. Von diesem Musiker wollte ich einfach mehr wissen! Und ich wollte mich auch in meinen Bildern mit seiner Musik auseinandersetzen!

Lumièreklein.jpg

Lumière (Licht), 2009

1. Astor Piazzolla

Schon bald erfuhr ich Folgendes über den Künstler:

Der musikalische Werdegang von Astor Piazzolla ist tatsächlich stark mit der klassischen Musik verbunden. Sein erstes prägendes musikalisches Erlebnis beschreibt der in New York aufwachsende Argentinier folgendermaßen:

„Ich entdeckte die Musik, als ich elf Jahre alt war. Das Mietshaus, in dem wir in New York wohnten, war sehr groß, hinten war ein Hof mit einem einzigen Fenster. An einem Sommernachmittag hielt ich mich da auf, ohne etwas Besonderes zu tun, und hörte einen Pianisten Bach spielen, was ich allerdings erst später erfuhr. In dem Alter wusste ich nicht, wer Bach war, aber ich war wie hypnotisiert….“

(Natalio Gorin, Astor Piazzolla, Erinnerungen, S.107)

Daheim hörte Piazzolla vor allem die Tangomusik, die sein Vater auflegte, empfand dabei aber Widerwillen und das Bandoneon, das ihm sein Vater geschenkt hatte, rührte er zunächst kaum an (Erinnerungen, S.20). Doch schließlich verfolgte er zwei Spuren: Nachdem er mit 16 Jahren endgültig nach Argentinien zurückgekehrt war, packte auch ihn die Tangoleidenschaft: Schon bald spielte er im Germinal in Buenos Aires

.

Bandoneon-curved

(Bandoneon, Foto Pavel Krok, Quelle Wikipedia )

.

bei Aníbal Troilo, aber er komponierte auch klassische Stücke. Mit seiner Sinfonia de Buenos Aires gewann er schließlich ein Stipendium für ein Studium in Paris bei Nadia Boulanger. Sie lobte zwar seine klassischen Kompositionen, fand den „wahren Piazzolla“ aber in seiner Tangomusik und ermutigte ihn, sich dieser zu widmen. Das wurde zum Wendepunkt für den jungen Künstler, der künftig gleichzeitig als Komponist und Bandoneonspieler den konzerttauglichen Tango Nuevo erschuf. Wie einige klassischen Komponisten verwandelte er einen volkstümlichen Tanz in Kunstmusik:

„Ich verwendete Kontrapunkt, Fugen, besondere harmonische Formen. Die mir folgen wollten, zogen es vor, einen Kaffee zu trinken und zuzuhören. Tanzen war Nebensache….“ (Erinnerungen, S.32)

Bekannte Musiker der Klassik wie Guido Kremer, Daniel Barenboim und Yo Yo Ma interpretierten seine Kompositionen.

Piazzolla selbst sagte über seine Musik:

„Ich spiele eben mit aller Gewalt, mein Bandoneon muss singen und schreien. Ich male den Tango nicht in Pastelltönen.“ (Erinnerungen, S. 122)

Hören wir uns z.B. seine Komposition „Adios Nonino“ an, die er 1959 zum Tode seines Vaters komponiert und als sein bestes Stück ansieht. Hier spielt Astor Piazzolla selbst:

.

»Adios Nonino« von Astor Piazzolla

(von viejitocibernetico auf YouTube)

2. Zur Ausstellung

Die lichtgeborene Musik Bachs, die Piazzolla zum ersten Mal in seinem Hinterhof hörte, ruft da eher Assoziationen mit Pastelltönen hervor. Mit all ihrem Leuchten und ihrer transzendenten Klarheit lässt sie beim Malen auch harmonischere Formen entstehen. Die Auseinandersetzung mit Piazzollas Musik dagegen führt zu kräftigeren, viel dunkleren, ja schreienden Farben. Auch das Arbeiten mit Komplementärfarben und Kontrasten passt hier nach meinem Empfinden viel besser. Diese Musik lässt für mich auch ganz neue Formen entstehen und explodiert in einer leidenschaftlicheren Dynamik. Dabei regt die Beschäftigung mit dieser heisernen Musik des Bandoneons, die aus der argentinischen Vorstadt geboren ist, „der Vorstadt, wo einen das Elend verzweifeln lässt, im sozialen Morast, wo eines Nachts die Armut eine Bleibe gefunden hat…“ (Tango, Dieter Reichardt, S.175) zu mehrschichtigen Bilderwelten an; denn sie spricht nicht nur von Verlust, Zerrissenheit und Enttäuschungen im Leben, sondern auch von Lebensfreude und feuriger Energie.

Anfangs faszinierten mich vor allem die Lebendigkeit, Frische, Ursprünglichkeit und Schönheit dieser Musik. Auch Kontrapunkt und noch verbleibende Elemente des Tanzes wurden zur Inspirationsquelle wie z.B. im Bild „frech und ursprünglich“ (siehe Bildergalerie) und auch in „Lumière“ (siehe oben). Später hörte ich immer mehr auch das Dunkel, aus dem sich die Melodie immer wieder erhob, um dann oft dorthin zurückzufallen. Kein Wunder, wenn dieses Dunkel und diese Sehnsucht nach Licht auch die Zeit des Terrors und der Gewalt in seinem Lande, später auch die der Militärdiktatur, des Verschwindens von Tausenden von unschuldigen Menschen, der Folterungen, der Todeslisten und Konzentrationslager spiegeln! Ist hier immer noch das „Zähneknirschen des Erniedrigten und Ausgebeuteten“ (Tango, Dieter Reichardt, S.185) oder weiterhin das tragische Lebensgefühl des Tangos zu hören?

„Er (der Tango) ist geboren aus der Auflehnung des Lebens, das sich nach Glanz, Schönheit und Energie sehnte, gegen die Umstände, die in die andere Richtung wiesen.“ (Tango, die einende Kraft des tanzenden Eros, Ralf Satori, Petra Steidl, S.79)

„Es ist die Vorbereitung all dessen, was nie geschieht, eine Erinnerung an etwas, das niemals war.“ (Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Wolfram Fleischhauer, S.464)

Die Ausstellung zeigt nun einerseits Bilder, die sich mit Aspekten beschäftigen, die in der klassischer Musik wie auch bei Piazzolla auftauchen, so z.B. „Freiheit, in Form gefasst“, „Lichtgeboren“ oder „Mit frischer Leichtigkeit“. Hier herrschen die helleren Farben und harmonischeren Formen vor. Andererseits gibt es jene Bilder, die sich direkt mit Piazzolla auseinandersetzen und so ganz anders ausfallen, eben „nicht in Pastelltönen“ wie z.B. „Soledad“, „Eine Nelke hinterm Ohr“ oder „Mit ungestümen Schwung“ (siehe ebenfalls die Bildergalerie).

Ich hoffe, es bleibt genügend Zeit für jeden Betrachter, Zugang zu den Bildern zu finden und sie in einer inneren Zwiesprache auf sich wirken zu lassen….. Mit diesen VorWorten will ich nur dem einen oder anderen Betrachter meiner Bilder einen kleinen Kompass für die Ausstellung in die Hand geben, – bei all der Problematik, ob man nicht doch lieber über die eigene Kunst schweigen sollte (siehe dazu meinen Artikel Zunge ab). Es liegt jetzt an ihm, wie weit er in diese Bilderwelt eindringen, vielleicht auch dazu Piazzollas Musik hören und darin Eigenes, Bekanntes und auch Neues, Anregendes finden will.

*

Zitierte Bücher:

Natalio Gorin, Astor Piazzolla, Erinnerungen, Metro Verlag, 2001

Dieter Reichardt, Tango, Suhrkamp Taschenbuch 1087

Ralf Sartori/Petra Steidl, Tango: die einende Kraft des tanzenden Eros, Hugendubel, 1999

Wolfram Fleischhauer, Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Roman, Knaur Taschenbuch, 2001

5 Gedanken zu „VorWorte zur Ausstellung: Aus dem Schwarz der Hinterhöfe, Farbklänge nach Astor Piazzolla

  1. Angela

    Hallo Petra,
    habe soeben Dein VorWort zur Gartenvernissage gelesen. Bin ganz begeistert, wie Du den Artikel aufgebaut und durch viele Links bereichert hast. Auch die Musik von Astor Piazolla macht Lust auf mehr. Die Spannung wächst, wie Du die Musik in Bildern umgesetzt hast. Freue mich riesig auf diese Ausstellung.

    Gefällt mir

    Antwort
  2. ppawlo Autor

    Liebe Angela, schön, dass Dich mein Artikel so angesprochen hat!
    Du weißt ja, er ist nicht nur für die Gartenvernissage, sondern auch für die Ausstellung im »mittendrin« in Berlin geschrieben. Liebe Grüße, Petra

    Gefällt mir

    Antwort
  3. Pingback: Tupfer | Sylvia Kling - Literatur

  4. Pingback: Noch einmal Piazolla* | da sein im Netz

  5. Pingback: Noch einmal Piazzolla 2* | da sein im Netz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s